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Tigerhaie im Roten Meer

Verhalten, seltene Zwischenfälle und was wir daraus lernen können.

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Tauchen mit Haien – eine Einordnung aus meiner langjährigen Erfahrung.

Author Sven Steuer.

Verhalten, Vorfälle und Ursachenanalyse

Wenn von Tigerhaien im Roten Meer gesprochen wird, entsteht schnell ein sehr einseitiges Bild. Auf der einen Seite stehen spektakuläre Medienberichte über schwere Vorfälle. Auf der anderen Seite gibt es Bilder von Tauchern, die scheinbar völlig entspannt mit großen Haien im Wasser sind. Beides zeigt nur einen Ausschnitt der Realität. Wer Tigerhaie verstehen will, muss genauer hinsehen.

Der Tigerhai – kein gewöhnlicher Riffhai

Der Tigerhai gehört zu den großen Raubhaien unserer Meere. Große Tiere können mehrere Meter lang werden, bewegen sich kraftvoll und besitzen ein sehr breites Nahrungsspektrum. Fische, Rochen, Schildkröten, Seevögel, Aas und gelegentlich auch ungewöhnliche Beute gehören zu seinem natürlichen Verhalten.

Genau diese Anpassungsfähigkeit macht ihn so erfolgreich. Der Tigerhai ist kein Spezialist, der nur auf eine bestimmte Beute ausgerichtet ist. Er nutzt Chancen. Er untersucht Situationen. Er ist neugierig, kräftig und in der Lage, sich sehr unterschiedlichen Lebensräumen anzupassen.

Sein Ruf als gefährlicher Hai kommt nicht aus dem Nichts. Weltweit gehört der Tigerhai zu den Arten, die bei schweren Vorfällen mit Menschen häufiger genannt werden als viele andere Haiarten. Daraus darf man aber nicht ableiten, dass Tigerhaie gezielt Menschen jagen. Die meisten Begegnungen zwischen Menschen und Haien verlaufen ohne Zwischenfall.

Gibt es Tigerhaie im Roten Meer?

Ja, Tigerhaie kommen im Roten Meer vor. Trotzdem sind Begegnungen nicht alltäglich. Viele Taucher verbringen Jahre im Roten Meer, ohne jemals einen Tigerhai zu sehen. Einzelne Sichtungen sind möglich, vor allem in tieferen, offeneren oder weniger stark frequentierten Bereichen.

Wichtig ist dabei: Ein Tigerhai ist kein kleiner Riffhai, der ruhig an der Riffkante vorbeizieht und wieder verschwindet. Es ist ein großes Raubtier mit eigenem Raumanspruch. Eine Begegnung verlangt Aufmerksamkeit, ruhiges Verhalten und ein realistisches Verständnis möglicher Risiken.

Wie verhält sich ein Tigerhai?

Wer einen Tigerhai unter Wasser sieht, beschreibt ihn oft als ruhig, fast gelassen. Das Tier bewegt sich langsam, kraftvoll und kontrolliert. Genau dieses Verhalten wird aber häufig falsch verstanden. Ruhig bedeutet nicht harmlos.

Ein großer Tigerhai beobachtet seine Umgebung sehr genau. Er verändert seine Distanz, zieht Kreise, nähert sich an und entfernt sich wieder. Manchmal wirkt dieses Verhalten neugierig. Tatsächlich bewertet das Tier die Situation: Was befindet sich im Wasser? Wie bewegt es sich? Ist es interessant? Ist es störend? Ist es Nahrung? Oder muss Abstand hergestellt werden?

Haie besitzen keine Hände. Sie können unbekannte Dinge nicht anfassen oder wegschieben. Ein Teil ihres Erkundungsverhaltens geschieht über Annäherung, Körperhaltung und im ungünstigsten Fall über einen Biss. Deshalb ist es so wichtig, große Haie nicht zu bedrängen, nicht anzulocken, nicht zu verfolgen und nicht durch hektische Bewegungen zusätzlich zu reizen.

Schwere Vorfälle im ägyptischen Roten Meer

In den letzten Jahren gab es im ägyptischen Roten Meer mehrere schwere Vorfälle, die international berichtet wurden. Wichtig ist dabei eine saubere Einordnung: Nicht jeder Vorfall ist eindeutig einem Tigerhai zugeordnet. Medien sprechen oft schnell von einem „Haiangriff“, während die genaue Artbestimmung nicht immer öffentlich belastbar dokumentiert ist.

2018

Marsa Alam

Ein Tourist wurde beim Schwimmen im Roten Meer tödlich verletzt. Der Fall wurde international bekannt. Eine eindeutige, öffentlich belastbare Artzuordnung ist in vielen Berichten jedoch nicht ausreichend dokumentiert.

2020

Rotes Meer

Bei einem weiteren Vorfall kam es zu schweren Verletzungen bei einem Jungen und einem Guide. Auch dieser Fall wurde breit berichtet. Für eine fachliche Bewertung ist entscheidend, welche Art beteiligt war, wie die Situation genau aussah und welche Auslöser eine Rolle gespielt haben könnten.

2022

Südlich von Hurghada

Zwei tödliche Vorfälle innerhalb weniger Tage sorgten weltweit für Aufmerksamkeit. In der öffentlichen Diskussion wurde ein großer Küstenhai beziehungsweise Tigerhai als mögliche oder wahrscheinliche Art genannt.

2023

Hurghada

Am 8. Juni 2023 wurde ein russischer Schwimmer bei Hurghada tödlich verletzt. Die ägyptischen Behörden bestätigten nach der Untersuchung einen Tigerhai als beteiligte Art. Dieser Vorfall prägte die öffentliche Wahrnehmung besonders stark.

2024

Marsa Alam

Ende Dezember 2024 kam es bei Marsa Alam zu einem weiteren tödlichen Vorfall mit einem verletzten zweiten Schwimmer. Auch hier sollte die Artzuordnung vorsichtig behandelt werden, solange sie nicht eindeutig und belastbar dokumentiert ist.

Warum kommt es überhaupt zu solchen Vorfällen?

Die einfache Antwort gibt es nicht. Schwere Haiunfälle entstehen selten aus einem einzigen Grund. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen: Umweltbedingungen, menschliches Verhalten, Sichtverhältnisse, Nahrungssituation, Nähe zu Fischerei oder Abfällen und manchmal auch das Verhalten eines einzelnen auffälligen Tieres.

Gerade bei Tigerhaien werden weltweit verschiedene Auslöser diskutiert. Dazu gehören Erkundungsverhalten, Nahrungskonkurrenz, Fischabfälle, illegales Anfüttern, verletzte Beutetiere, trübes Wasser, Dämmerung, Schwimmen außerhalb ausgewiesener Bereiche und die Nähe zu Orten, an denen regelmäßig organische Abfälle ins Wasser gelangen.

Fischabfälle, Fütterung und Gewöhnung

Ein besonders kritischer Punkt ist die Gewöhnung an Nahrung. Haie lernen schnell. Wenn bestimmte Orte regelmäßig mit Futter, Fischresten oder organischen Abfällen verbunden sind, kann sich das Verhalten einzelner Tiere verändern.

Genau deshalb sind illegales Anfüttern, unsaubere Entsorgung von Fischabfällen und die unkontrollierte Nähe zu Fischereiaktivitäten problematisch. Sie können Haie in Bereiche bringen, in denen sich gleichzeitig Schwimmer, Schnorchler oder Taucher aufhalten.

Auffällige Einzeltiere statt „die Haie“

Nach einem schweren Vorfall wird häufig sehr pauschal über „die Haie“ gesprochen. Fachlich ist das falsch. Die überwiegende Mehrheit aller Haie zeigt gegenüber Menschen kein auffälliges Verhalten.

Einzelne Tiere können jedoch anders reagieren. Nahrung, Verletzung, Stress, Fortpflanzung, Krankheit oder eine Gewöhnung an bestimmte Reize können das Verhalten verändern. Deshalb muss nach einem Vorfall sehr genau gefragt werden: Welche Art war beteiligt? Wo geschah es? Gab es Fischabfälle? Gab es Fütterungen? Gab es besondere Umweltbedingungen? Wurde dasselbe Tier vorher bereits mehrfach auffällig gesehen?

Wie hoch ist das tatsächliche Risiko?

Weltweit bleiben Haiunfälle trotz großer medialer Aufmerksamkeit selten. Gleichzeitig gehen jedes Jahr Millionen Menschen schwimmen, schnorcheln, surfen oder tauchen.

Daraus folgt aber nicht, dass große Haie ungefährlich sind. Selten bedeutet nicht unmöglich. Die richtige Einordnung liegt zwischen Panik und Verharmlosung. Große Haie sind Wildtiere. Sie brauchen Raum, klare Ausweichmöglichkeiten und ein Verhalten des Menschen, das unnötige Risiken vermeidet.

Was bedeutet das für Taucher?

Für Taucher unterscheidet sich die Situation oft deutlich vom Schwimmen an der Oberfläche. Taucher bewegen sich kontrollierter, bleiben in Gruppen, tragen Ausrüstung und werden häufig von erfahrenen Guides begleitet. Trotzdem gelten bei Begegnungen mit großen Haien klare Grundregeln.

  • ruhig bleiben und hektische Bewegungen vermeiden
  • den Hai beobachten und ihm nicht den Rücken zudrehen
  • nicht verfolgen, bedrängen oder anfassen
  • Abstand halten und die Gruppe zusammenhalten
  • nicht füttern und keine Fischreste ins Wasser bringen
  • dem Tier immer einen freien Weg lassen
  • Anweisungen erfahrener Guides befolgen

Fazit

Tigerhaie im Roten Meer sind faszinierende, große Raubhaie. Sie sind weder harmlose Attraktionen noch Monster. Sie sind Wildtiere mit komplexem Verhalten, großem Aktionsradius und einer wichtigen Rolle im marinen Ökosystem.

Die schweren Vorfälle der letzten Jahre müssen ernst genommen werden. Gleichzeitig sollten sie nicht zu pauschaler Angst führen. Wer Ursachen verstehen will, muss genauer hinschauen: auf menschliches Verhalten, Fischerei, Abfälle, Fütterung, Umweltbedingungen und die Möglichkeit auffälliger Einzeltiere.

Nur eine sachliche Betrachtung hilft, Risiken zu reduzieren. Nicht durch Verharmlosung. Nicht durch Panik. Sondern durch Wissen, Erfahrung und ein realistisches Verständnis dafür, dass wir uns im Lebensraum eines großen Raubtieres bewegen.

Tauchen mit Haien – eine Einordnung aus meiner langjährigen Erfahrung

Haibegegnungen gehören für viele Taucher zu den eindrucksvollsten Momenten unter Wasser. Trotzdem werden große Haie oft falsch dargestellt: entweder als permanente Gefahr oder als harmlose Tiere, mit denen man beliebig nah interagieren kann. Beides wird der Realität nicht gerecht. Wer regelmäßig mit großen Haien taucht, merkt schnell, dass man jede Begegnung aufmerksam lesen muss. Für mich bedeutet das: nicht ängstlich, aber auch nicht verharmlosend.

Ich tauche seit vielen Jahren weltweit mit Haien und habe dabei Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Arten erlebt. Viele dieser Begegnungen verlaufen ruhig, kontrolliert und faszinierend. Genau deshalb halte ich eine sachliche Einordnung für wichtig. Aus der Tatsache, dass die meisten Begegnungen ohne Zwischenfall verlaufen, darf man aber nicht ableiten, dass große Haie ungefährlich wären. Genauso falsch wäre die gegenteilige Behauptung, Haie würden gezielt Jagd auf Menschen machen.

Große Haie sind leistungsfähige Raubtiere. Sie sind perfekt an ihre Umwelt angepasst, körperlich jedem Menschen weit überlegen und reagieren auf Situationen nach ihrer eigenen Logik. Wer mit ihnen ins Wasser geht, muss verstehen, dass er sich nicht in einem kontrollierten Raum befindet, sondern im Lebensraum eines Wildtieres.

Niemand würde in der Savanne freiwillig auf wenige Meter an einen Löwen herangehen, ihm folgen, ihn bedrängen oder ihm den Weg abschneiden. Im Meer wird dieser Grundsatz leider manchmal vergessen. Bei großen Haien gilt dasselbe Prinzip: Abstand halten, die Bewegungsrichtung des Tieres beachten, keine Fluchtwege blockieren und niemals versuchen, eine Reaktion zu provozieren.

Ich sehe immer wieder in sozialen Medien Videos von Taucherinnen und Tauchern, die scheinbar mit großen Tigerhaien spielen. Der Hai wird angelockt, angefasst und zur Seite gedrückt. Solche Aufnahmen vermitteln schnell den Eindruck, dass diese Tiere harmlos sind und man einen Tigerhai einfach abwehren kann. Was dabei meist nicht gezeigt wird: Die Tiere werden angefüttert und sind an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt. Das trifft jedoch auf die wenigsten Haie zu.

Ein Hai hat normalerweise kein besonderes Interesse an einem Taucher. Kritisch kann eine Situation jedoch werden, wenn ein Tier bedrängt wird, sich in seinem Raum behaupten will oder sein Verhalten vom Menschen falsch eingeschätzt wird. Gerade große Haie wie Tigerhaie haben einen eigenen Bewegungsraum. Wird dieser unterschritten oder wird dem Tier die Möglichkeit zum Ausweichen genommen, kann eine Situation sehr schnell gefährlich werden.

Besonders für Schwimmer und Schnorchler kann das an Riffen problematisch sein. Sie befinden sich häufig an der Oberfläche, bewegen sich anders als Taucher und haben weniger Möglichkeiten, die Körpersprache eines Hais frühzeitig einzuschätzen. Kommt ein Hai in eine enge Riffsituation und erkennt keinen freien Ausweichweg, kann es zu einer Abwehrreaktion kommen. Eine solche Reaktion ist nicht mit einem kleinen Warnsignal zu vergleichen. Bei einem großen Hai können schon ein einzelner Biss oder ein kurzer Kontakt schwerste oder tödliche Verletzungen verursachen.

Wenn man Haie verstehen will, muss man auch verstehen, wie sie ihre Umgebung wahrnehmen und wie sie sich fortbewegen. Ein Hai orientiert sich nicht nur mit den Augen. Er nimmt Gerüche, Bewegungen, Druckveränderungen, feinste elektrische Reize und Schwingungen im Wasser wahr. Seine Wahrnehmung ist deshalb deutlich anders aufgebaut als unsere menschliche Wahrnehmung.

Eine wichtige Rolle spielt dabei das Seitenlinienorgan. Dieses Sinnesorgan verläuft seitlich am Körper des Hais und setzt sich im Kopfbereich fort. Es reagiert auf Wasserbewegungen, Druckwellen und Vibrationen. Ein Hai spürt dadurch, was um ihn herum im Wasser passiert, auch wenn er es nicht direkt sieht. Flossenschläge, hektische Bewegungen an der Oberfläche, ein unruhiger Taucher oder ein einzelner Taucher abseits der Gruppe können über dieses System wahrgenommen werden.

Dazu kommen weitere hoch entwickelte Sinne. Haie können Gerüche sehr fein wahrnehmen und über spezielle Sinnesorgane am Kopf, die Lorenzinischen Ampullen, elektrische Felder registrieren. Diese entstehen zum Beispiel durch Muskelbewegungen und Nervensignale anderer Lebewesen. Für einen Hai ist seine Umgebung deshalb kein stiller Raum. Sie besteht aus Bewegungen, Druckwellen, Geruchsspuren und elektrischen Reizen.

Genauso wichtig ist seine Fortbewegung. Ein großer Hai bewegt sich nicht wie ein Mensch an Land, der einfach stehen bleiben, einen Schritt zurückgehen oder abrupt ausweichen kann. Haie können nicht rückwärts schwimmen oder plötzlich anhalten. Sie verändern ihre Richtung über Körperhaltung, Schwanzbewegung und Flossenstellung. Dafür brauchen sie Raum: Raum, um eine Kurve zu ziehen. Raum, um Abstand aufzubauen. Und Raum, um eine Situation zu verlassen.

Gerade deshalb ist es so wichtig, einem großen Hai immer einen freien Weg zu lassen. Wer dem Tier den Raum nimmt, seinen Weg blockiert oder zu nah in seine Bewegungsbahn kommt, erhöht das Risiko, dass die Begegnung kippt. Nicht weil der Hai gezielt einen Menschen angreifen will, sondern weil der Mensch die Wahrnehmung und Bewegungslogik des Tieres nicht berücksichtigt.

Für mich bedeutet Sicherheit bei Haibegegnungen deshalb nicht Angst, sondern Wissen und sauberes Verhalten: das Tier beobachten, seine Bewegungsrichtung verstehen, die Gruppe zusammenhalten, keine hektischen Bewegungen machen, nicht hinterherjagen, nicht anfassen, nicht füttern und immer einen freien Weg lassen. Genau diese Punkte entscheiden oft darüber, ob eine Begegnung ruhig bleibt oder kritisch wird.

Tigerhaie sind keine Attraktion, die man beliebig nah erleben kann. Sie sind große Raubtiere mit eigener Wahrnehmung, eigenem Raumanspruch und enormer Kraft. Wer das versteht, kann ihnen mit der nötigen Vorsicht begegnen. Wer das ignoriert, bringt sich und andere unnötig in Gefahr.

Sven Steuer
von Diver on Tour

Quellen und weiterführende Hinweise

  • International Shark Attack File, Florida Museum of Natural History: Yearly Worldwide Shark Attack Summary.
  • International Shark Attack File: Species Implicated in Attacks.
  • Ahram Online: Russian national killed in Red Sea Tiger shark attack, 8. Juni 2023.
  • The Guardian: Russian man dies after being mauled by shark off Egyptian Red Sea resort, Juni 2023.
  • Reuters: Red Sea tourism, fatal incidents and shark attacks, 2025.
  • Diver on Tour Beobachtungen und Schulungsinhalte zum Verhalten großer Haie.

Schulungsvideo: Tauchen mit Tigerhaien

In diesem Schulungsvideo geht es um Verhalten, Körpersprache, Risikofaktoren und den respektvollen Umgang mit Tigerhaien.

Vollständiges Schulungsvideo ansehen
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