Beobachtungen zur Erholung der Riffe im Raum Hurghada
Wer heute über Korallenriffe spricht, spricht meist über ihr Sterben. Bilder gebleichter Korallen und Berichte über den weltweiten Rückgang vieler Riffsysteme prägen die öffentliche Wahrnehmung. Wesentlich seltener wird über einen anderen Teil der Realität gesprochen: die Fähigkeit vieler Riffe, sich unter geeigneten Bedingungen wieder zu erholen.
Erholung an bekannten Riffen vor Hurghada
Genau diese Entwicklung lässt sich derzeit an mehreren bekannten Riffen im Raum Hurghada beobachten.
Tauchplätze wie Shaab Sabina, Gota Abu Ramada oder Ham Ham zeigen heute vielerorts ein deutlich anderes Bild als noch vor wenigen Jahren. Bereiche, die zwischen 2022 und 2023 sichtbar an Korallenbedeckung verloren hatten, weisen inzwischen wieder zunehmendes Wachstum auf. Junge Korallenkolonien besiedeln geschädigte Flächen neu, viele Hartkorallen zeigen erkennbare Regeneration und auch die allgemeine Struktur der Riffe wirkt heute stabiler als noch vor einigen Jahren.
Diese Entwicklung lässt sich nicht nur subjektiv wahrnehmen. Aktuelle Bilddokumentationen verschiedener Tauchplätze zeigen deutlich, dass zahlreiche Riffabschnitte heute wieder gesünder erscheinen als während der Belastungsphase 2022 bis 2023.
Unterschiede zwischen Nord und Süd
Besonders interessant wird diese Beobachtung im Vergleich mit vielen südlicheren Regionen des Roten Meeres. Während zahlreiche Riffe im Süden weiterhin erhebliche Schäden zeigen, präsentiert sich ein Teil der Riffe im Raum Hurghada deutlich stabiler. Die Entwicklung innerhalb des Roten Meeres verläuft also keineswegs einheitlich.
Eine Ausnahme bildet beispielsweise Shaab Claude. Dort konnte ich ebenfalls eine sichtbare Erholung feststellen. Genau solche Unterschiede zeigen, wie komplex die ökologischen Prozesse innerhalb des Roten Meeres tatsächlich sind. Manche Riffe erholen sich überraschend schnell, während andere trotz vergleichbarer geografischer Lage weiterhin deutliche Belastungsspuren aufweisen.
Widerstandsfähigkeit nördlicher Korallenriffe
Auch wissenschaftlich werden solche Unterschiede beschrieben. Mehrere Forschungsarbeiten weisen darauf hin, dass Teile des nördlichen Roten Meeres eine außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit gegenüber Umweltstress zeigen. Fine et al. beschrieben Teile des nördlichen Roten Meeres als mögliches thermales Refugium. Osman et al. kamen zu ähnlichen Ergebnissen und beschrieben eine außergewöhnliche Belastbarkeit vieler Korallenriffe im nördlichen Roten Meer.
Neben der Widerstandsfähigkeit rückt zunehmend auch die Fähigkeit zur Regeneration in den Fokus. Dabei spielen Wasserqualität, Strömungen, Sauerstoffversorgung, Nährstofftransport und die allgemeine Stabilität des Ökosystems eine entscheidende Rolle.
Wind, Strömung und Durchmischung
Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang eine Entwicklung, die viele Taucher, Kapitäne und Betreiber im Roten Meer seit etwa drei Jahren beobachten: eine deutliche Zunahme von Wind und Seegang.
Gerade in den letzten beiden Jahren kam es mehrfach vor, dass Ausfahrten im Roten Meer aufgrund starker Winde und entsprechender Sicherheitswarnungen für mehrere Tage eingestellt werden mussten. Solche Wetterlagen waren in dieser Häufigkeit früher deutlich seltener.
Für die Ökologie des Roten Meeres besitzt Wind jedoch eine größere Bedeutung, als häufig angenommen wird. Wind beeinflusst die Durchmischung der Wasserschichten, die Strömungsdynamik sowie den Austausch zwischen Oberflächen- und Tiefenwasser. Solche Prozesse können direkten Einfluss auf Sauerstofftransport, Nährstoffverteilung und die Stabilität mariner Ökosysteme haben.
Gerade das Rote Meer wird stark von seiner charakteristischen Strömungsdynamik geprägt. Sie transportiert Wasser, Sauerstoff, Plankton und Nährstoffe über große Entfernungen und beeinflusst damit die Lebensbedingungen der Korallenriffe erheblich. Veränderungen von Wind und Strömung können daher direkte Auswirkungen auf die Entwicklung einzelner Riffsysteme haben.
Keine Entwarnung, aber ein wichtiges Signal
Die aktuellen Beobachtungen aus Hurghada zeigen eindrucksvoll, dass Korallenriffe keineswegs ausschließlich Systeme des Niedergangs sind. Sie besitzen unter geeigneten Bedingungen eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Regeneration. Die derzeitige Entwicklung mehrerer bekannter Riffe deutet darauf hin, dass sich Teile des nördlichen Roten Meeres aktuell in einer Phase der Erholung befinden.
Eine Entwarnung darf daraus jedoch nicht abgeleitet werden.
Korallenriffe gehören weiterhin zu den empfindlichsten Ökosystemen unseres Planeten. Während sich im Raum Hurghada derzeit deutliche Verbesserungen beobachten lassen, bleiben große Teile des südlichen Roten Meeres weiterhin stark belastet. Die Unterschiede zwischen einzelnen Regionen zeigen vielmehr, wie komplex die Zusammenhänge innerhalb dieses einzigartigen Meeresgebietes tatsächlich sind.
Fazit
Aktuelle Beobachtungen sollten weder ignoriert noch vereinfacht werden. Die sichtbare Erholung zahlreicher Riffe vor Hurghada beweist nicht, dass die Probleme des Roten Meeres gelöst sind. Sie zeigt jedoch, dass Korallenriffe über ein wesentlich größeres Regenerationspotenzial verfügen können, als häufig angenommen wird.
Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Erkenntnisse der letzten Jahre: Die Entwicklung von Korallenriffen verläuft nicht ausschließlich in eine Richtung. Neben Rückgang und Zerstörung gehören auch Regeneration und Erholung zur Realität dieser Ökosysteme.
Die Bilder aus Hurghada zeigen genau das.
Quellen
- Fine, M. et al. (2013): A coral reef refuge in the Red Sea. Global Change Biology.
- Osman, E. O. et al. (2018): Thermal refugia against coral bleaching throughout the northern Red Sea. Global Change Biology.
- Raitsos, D. E. et al. (2011): Abrupt warming of the Red Sea. Geophysical Research Letters.
- ICRI Scientific Review (2024): Coral Reef Bleaching Event 2023 along the Egyptian Coast of the Red Sea.
- HEPCA Bleach Watch Reports (2023–2024): Monitoring der Korallenriffe entlang der ägyptischen Küste des Roten Meeres.
- PERSGA Regional Environmental Reports: Umweltbedingungen und marine Ökosysteme im Roten Meer und Golf von Aden.